Albert Schweitzer (1875-1965)

 

Aus meiner Kindheit und Jugendzeit

Ich war nicht händelsüchtig. Aber ich liebte in freundschaftlichem Raufen meine Körperkräfte mit andern zu messen. Emes Tages, auf dem Nachhausewege von der Schule, rang ich mit Georg Nitscheim - er ruht nun schon unter der Erde - der größ er war und für stärker galt als ich, und bezwang ihn. Als er unter mir lag, stieg er hervor : ,,Ja, wenn ich alle Woche zweimal Fleischsuppe zu essen bekäme wie du, da wäre ich auch so stark wie du !" Erschrocken über dieses Ende des Spiels wankte ich nach Hause. Georg Nitscheim hatte mit böser Deutlichkeit ausgesprochen, was ich bei anderen Gelegenheiten schon zu fühlen bekommen hatte. Die Dorfknaben ließ en mich nicht ganz als einen der ihrigen gelten. Ich war für sie der, der es besser hatte als sie, das Pfarrersöhnle, das Herrenbuble. Ich litt darunter, denn ich wollte nichts anders sein und es nicht besser haben als sie. Die Fleischsuppe wurde mir zum Ekel. Sowie sie auf dem Tisch dampfte, hörte ich Georg Nitschelms Stimme.

Nun wachte ich ängstlich darüber, mich in nichts von den andern zu unterscheiden. Auf den Winter hatte ich einen Mantel bekommen, aus einem alten meines Vaters gemacht. Aber kein Dorfknabe trug einen Mantel. Als der Schneider mir ihn anprobierte und gar noch sagte ,,Potz Tausend, Albert, jetzt bist du bald ein Monsieur!" verbiß ich mit Mühe die Tränen. Am Tage aber, wo ich ihn zum erstenmal anziehen sollte - es war an einem Sonntag Morgen zur Kirche - weigerte ich mich. Es gab emen üblen Auftritt. Mein Vater verabreichte mir eine Ohrfeige. Es half nichts. Man muß te mich ohne Mantel zur Kirche mitnehmen.

Jedesmal nun, wenn ich den Mantel anziehen sollte, gab es dieselbe Geschichte. Was habe ich wegen dieses Kleidungsstiîckes Schläge bekommen ! Aber ich blieb standhaft.

In demselben Winter nahm mich meine Mutter mit nach Straß burg, einen alten Verwandten zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit wollte sie mir eine Kappe kaufen. In einem schönen Laden probierte man mit etliche auf. Zuletzt einigten sich meine Mutter und die Verkäuferin auf eine schöne Matrosenmütze, die ich gleich aufbehalten sollte. Aber sie hatten die Rechnung vohne den Wirt gemacht. Die Mü.tze war für mich unannehmbar, denn kein Dorfknabe trug eine Matrosenmütze. Als man in mich drang, diese Mütze oder eim anderes von den aufprobierten Dingern zu nehmen, führte ich mich so auf, daß der ganze Laden zusammenlief. ,,Ja, was willst du denn für cine Kappe, du dummer Bub?" fuhr mich die Verkäuferin an. ,,Ich will keine von euren neumodischen, ich will cine, wie sie die Dorfknaben tragen." Also sandte man ein Ladenfräulcin aus, die mit dann aus den Ladenhütern eine braune Kappe brachte, die man über die Ohren herunterklappen konnte. Freudestrahiend setzte ich sie auf, während meine arme Mutter ein paar schöne Bemerkungen und höhnische Blicke für ihren Tölpel einheimste.

Ich litt darunter, daß sie sich meinetwegen vor den Stadtleuten scäimen muß te. Aber sie schalt mich nicht, als ahnte sie, daß etwas Ernstes dahinterstecke.

Dieser schwere Kampf dauerte so lange, als ich auf der Dorfschule war, und verbitterte nicht nur mir, sondern auch meinem Vater das Leben. Ich wollte nur Fausthandschuhe tragen, denn die Dorfjungen trugen keine andern. An Wochentagen wollte ich nur in Holzschuhen gehen, denn sie hatten die Lederschuhe auch nur am Sonntag an. Jeder Besuch, der kam, fachte den Konflikt aufs Neue an, denn da sollte ich mich in ,,standesgemäß er" Kleidung präsentieren. Im Hause selbst machte ich a]le Konzessionen. Aber sowie es sich darum handelte, als Herrenbüble gekleidet mit dem Besuch auch spazieren zu gehen, war ich wieder der unausstehliche Kerl, der seinen Vater erzürnte, und der mutige Held, der Ohrfeigen hinnahm und sich in den Keller sperren ließ . Und ich litt schwer darunter, gegen meine Eltern widerspenstig zu sein. Meine Schwester Luise, die ein Jahr älter war als ich, hatte Verständnis für das, was ich durchmachte, und war rührend für mich.

 

Die Dorfknaben wuß ten nicht, was ich ihretwegen ausstand. Sie nahmen alle meine Anstrengungen, in nichts anders zu sein als sie, gelassen hin... um mich dann, beim geringsten Zwist, mit dem furchtbaren Wort Herrenbüble zu verwunden.

 

(…)

 

So lange ich zurückblicken kann, habe ich unter dem vielen Elend, das ich in der Welt sah, gelitten. Unbefangene, jugendliche Lebensfreude habe ich eigentlich nie gekannt und glaube, daß es vieen Kindern ebenso ergeht, wenn sic auch äuß erlich ganz froh und ganz sorglos scheinen.

Insbesondere litt ich darunter, daß die armen Tiere so viel Schmerz und Not auszustehen haben. Der Anblick eines alten hinkenden Pferdes, das ein Mann hinter sich herzerrte, während ein anderer mit einem Stecken auf es einschlug - es wurde nach Kolmar ins Schlachthaus getrieben - hat mich wochenlang verfolgt.

Ganz unfaß bar erschien mir - dies war schon ehe ich in die Schule ging -, daß ich in meinem Abendgebete nur für Menschen beten sollte. Darum, wenn meine Mutter mit mir gebetet und mir den Gutenachtkuß gegeben hatte, betete ich heimlich noch ein von mir selbst verfaß tes Zusatzgebet fur alle lebenden Wesen. Es lautete ,,Lieber Gott. schütze und segne alles, was Odem hat, bewahre es vor allem Üebel und laß es ruhig schlafen !"

Einen tiefen Eindruck machte mir ein Erlebnis aus meinem siebenten oder achten Jahre. Heinrich Bräsch und ich hatten uns Schleudern aus Gummischnüren gemacht, mit denen man kleine Steine schleuderte. Es war im Frühjahr, in der Passionszeit. An einem Sonntagmorgen sagte er zu mir : ,,Komm, jetzt gehen wir in den Rebberg und schieß en Vögel.". Dieser Vorschlag war mir schrecklich, aber ich wagte nicht zu widersprechen, aus Angst, er könnte mich auslachen. So kamen wir in die Nähe eines kahlen Baumes, auf dem die Vögel, ohne sich vor uns zu fürchten, lieblich in den Morgen hinaussangen. Sich wie ein jagender Indianer duckend, legte mein Begleiter emen Kiesel in das Leder seiner Schleuder und spannte dieselbe. Seinem gebieterischen Blick gehorchend, tat ich unter furchtbaren Gewissensbissen dasselbe, mir fest gelobend, daneben zu schießen. In demselben Augenblicke fingen die Kirchenglocken an, in den Sonnenschein und in den Gesang der Vögel hineinzulauten. Es war das ,,Zeichen-Läuten", das dem Hauptläuten eine halbe Stunde voranging. Fü mich war es eine Stimme aus dem Himmel. Ich tat die Schleuder weg, scheuchte die Vögel auf, daß sie wegflogen und vor der Schleuder meines Begleiters sicher waren, und floh nach Hause. Und immer wieder, wenn die Glocken der Passionszeit in Sonnenschein und kahle Bäume hinausklingen, denke ich ergriffen und dankbar daran, wie sie mir damais das Gebot ,,Du sollst nicht töten" ins Herz geläutet haben.

Von jenem Tage an habe ich gewagt, mich von der Menschenfurcht zu befreien. Wo meine innerste Ueberzeugung mit im Spiele war, gab ich jetzt auf die Meinung anderer weniger als vorher. Die Scheu vor dem Ausgelachtwerden durch die Kameraden suchte ich zu verlernen.

Die Art, wie das Gebot, daß wir nicht töten und quälen sollen, an mit arbeitete, ist das grosse Erlebnis meiner Kindheit und Jugend. Neben ihm verblassen alle anderen.

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